Flight Tracking: Gesellschaft und Flugzeuge in Echtzeit

Flight Tracking über Smartphone

Flight Tracking heißt, Flugzeuge in Echtzeit auf einer virtuellen Karte zu verfolgen? Welches Interesse sollte man haben, das zu tun? Zuviel Langeweile? Und was hat das mit einer Arzt- oder Zahnarztpraxis zu tun? Welcher gesellschaftliche Kurs zeigt sich in dem Phänomen, Flugdaten über einen öffentlichen Dienst zugänglich zu machen?

Hand aufs Herz. Wer hat sich noch nicht die Frage gestellt, wohin das Flugzeug gerade fliegt, dessen Kondensstreifen am Himmel das Blau durchschneidet. Wo wird das Flugzeug landen? Möchte ich auch irgendwann dorthin oder womöglich gerade dort sein?

Flight Tracking über Smartphone

Flight Tracking ist jetzt über die Kamera eines Smartphones möglich. Einfach die Kamera auf ein am Himmel fliegendes Flugzeug richten.

Ich verspüre Lust, Ihnen über den Dienst http://www.flightradar24.com zu erzählen. Auf die Idee brachte mich der Chefredakteur der acquisa Christoph Pause. Er teilte mit mir auf XING. Das führte zu diesem Blogpost.” target=”_blank”Christoph Pause, in dem auf XING auf den Dienst hinwies.

Erst eben beim Abendessen bemerkten wir, wie wieder einer dieser Flieger am Himmel über der hiesigen Talsperre einen Bogen schlug. So ein dreißig Grad gezogener Flitzebogen, der so imposant wie selten ist. Morgen Abend werde ich möglicherweise wissen, welche Maschine das ist.

Auch vor Jahren in Osnabrück habe ich mal ein Flugzeug am Himmel gesehen, das mit seinem Kondensstreifen einen symmetrischen Kreis malte, weil es offenbar gezwungen war, umzukehren. Unser Dreijähriger mag vor allem, wenn sich die Kondensstreifen länger am Himmel halten und sich möglichst oft kreuzen. Die so entstehende Matrix verleiht dem Himmel Tiefe. Man merkt, es schwingt irgendetwas emotionales mit. Was genau kann ich nicht sagen. Flight Tracking ersetzt dieses Gefühl nicht. Es ergänzt es. Optional verstärkt es sich.

Was hat Flight Tracking mit Praxis 2.0 zu tun?

Die Applikation ist eine Online Software und es gibt sie immerhin für iOS und Android betriebene Mobilgeräte. Ich habe es gerade geladen und wenn es wieder hell ist, soll ich nur meine Kamera auf das Flugzeug richten, das ich gerade am Himmel sehe. Mithilfe des integrierten GPS wird das anvisierte Flugzeug identifiziert.

Stimmen Sie mir nicht zu, wenn ich berechtigterweise frage, welchen tieferen Sinn eine Flight Tracking Applikation hat?! Mir geht es jedoch nicht um die Analyse des dahinter stehenden Geschäftsmodells. Das Stichwort ist einmal mehr Transparenz.

Beraubt man uns mit einem solchen Dienst nicht aller Träume, die wir mit unserem Wunsch auf Urlaub an einen weißen Streifen am Himmel heften? Sind Dienste, die uns die banalsten Dinge so konsequent transparent machen nur die Vorstufe einer längst spürbaren gesellschaftlichen Veränderung, die noch weitaus umfassender sein wird, als wir uns das aktuell wünschen und vorstellen?

Stellen wir uns auf Transparenz ein

Ich weiß noch, wie ich ausgerechnet habe, wo meine Freundin gerade sein könnte, als sie allein in den Urlaub flog. Damals war Google Earth vielleicht gerademal einige Tage auf dem Markt. Geschwindigkeit und Abflugzeit ließen mich erahnen, wo sie über dem Atlantik gerade sein müsste. Gegen einen Dienst, der mir das Rechnen erspart, hat man per se nichts einzuwenden. Er schadet nicht. Den Freaks liefert er die passende Information ohne mühsames Rechnen mit dem Taschenrechner.

Newcomer Transparenz

Und doch vermute ich: Wenn solche scheinbar unwichtigen Aspekte des täglichen Lebens transparent werden, vollzieht sich ein erster Schritt, der wichtig zu sein scheint, wenn wir uns daran gewöhnen, künftig mit Transparenz als neuen Wert unsere Entscheidungen zu finden. Vor allem, wenn es unsere persönlichen Entscheidungen und unser Leben betrifft.

Die Organisation von Transparenz wird zur Machtfrage

So steht es im Werte-Index, der die Wortmeldungen deutschsprachiger Nutzer im Internet auswertet. Das Zitat rechtfertigt sich durch die Krise, in der wir aktuell stecken und aus deren Konsequenz der Verlust von Vertrauen auf breiter Front die Folge ist. Das Internet wird für die User zum Instrument, um in vielen Bereichen von Politik und Wirtschaft Transparenz zu erzwingen. 1

In Flightradar24 kreisen aktuell noch lustige kleine, gelbe Flugzeuge. Das ist nett anzuschauen. Und obwohl ich ein Befürworter von Transparenz bin, gibt es auch bei mir eine beunruhigende Regung. Es lohnt noch einmal ein Blick in den Werte-Index 2012. Transparenz ersetze nicht Vertrauen, heißt es dort. Ich stelle fest. In der Forderung um mehr Transparenz – durch die Gesellschaft selbst – geht es nicht darum, den Gläsernen Bürger zu erfinden, sondern Institutionen und Organisationen wird empfohlen, Kontrolle und Einfluss an den Einzelnen zu übertragen. Erst eine Bereitschaft, diesen Schritt zu gehen, ebne den Weg in ein neues Vertrauen. Das alte kommt nicht wieder.

Hier schließt sich zumindest der Kreis für Praxischefs und -inhaber. Das Lippenbekenntis, eine sich öffnende Kommunikation der Praxis zerstöre Vertrauen, greift zu kurz.

Vertrauen ist ein relevantes, menschliches Thema, obwohl sich die psychologische Forschung schwer damit tut. Vertrauen sei schwer zu operationalisieren, meint der Diplom Psychologe Matthias Krack, den ich als Mitglied meines Netzwerks in diesen Dingen zu Rate ziehen darf. Er betont auf Nachfrage:

Vertrauen hat mit Sicherheitsbedürfnis zu tun: Ich möchte mich auf etwas verlassen können bzw. eine Bestätigung für meine persönlichen Vorhersagen erfahren. Ich erwarte Gutes, also sollte Gutes passieren (der sog. „Leistungsernst“ einer Praxis/Marke). Wenn ich mich auf meine Erwartungen nicht mehr verlassen kann, verunsichert das Menschen zutiefst und sie suchen nach neuen „Projektionsflächen“ für Sicherheit.

Das bedeutet wohl, dass eine neue Projektionsfläche für Sicherheit diese immer häufiger angemahnte Transparenz ist. Sicherheit als Wert selbst ist im Vergleich zum Werte-Index im Jahre 2009 um einen Rang gefallen. Ich vertraue nur dem, was ich selbst weiß, selbst überprüfen kann. Mit Blick auf gesundheitliche Zusammenhänge wird so schnell klar, warum Patienten zuerst zu Google und dann zum Arzt gehen 2. Ein Arzt, der sich strikt gegen dieses neuartige Bedürfnis seiner Patienten stellt, verweigert sich.

Wohin geht die Reise

Klar ist nun. Die banalsten Zusammenhänge werden sichtbar gemacht, um dem Individuum mehr Kontrolle zu ermöglichen. Auch Krankheit und Gesundheit umgibt immer weniger der Nimbus, nur ein Arzt könne dabei helfen, Gesundheit gelingen zu lassen und Krankheit zu heilen. Was uns früher egal war, kann jetzt überprüft werden. Gingen wir früher bei jeder Kleinigkeit zum Arzt, müssen sich die ersten Menschen auf dem Land an alte Hausmittel erinnern, weil ärztlicher Rat nicht mehr unter der Schirmherrschaft von Versorgungssicherheit steht.

Hätten wir uns vorstellen können, unseren Urlaub über das Internet zu buchen und diesen Urlaub online zu bewerten? Jetzt kann man also sehen, wann eine Maschine deutschen Luftraum erreicht, inklusive solcher relevanten Daten wie Airline, Flugnummer, Gesamtstrecke, Maschinentyp, aktuelle Höhe und Geschwindigkeit. Jetzt ist Arzt nicht gleich Flugzeug. Doch Arztbewertungsportale sammeln das, was für die Flugsicherung digital bereits vollständig verarbeitet sein muss.

Das Internet ist gerade einmal in der Pubertät. Und so bekloppt, wie sich pubertierende Kinder dann halt benehmen, erscheinen mir Dienste wie flightradar24 etwas pupertär. Hingegen erinnern wir uns gut an dieses Gefühlschaos. Es hinterließ viele schönste Momente als Spuren in unseren Seelen. Gern noch einmal so sein dürfen. Bleibt also die Hoffnung, dass das Internet als Teil der Lösung, nicht weiterhin von Altvorderen als pubertierender Teenie abgestempelt wird.

Wer die eigene Pubertät ohne die digitale Transformation erlebt hat, sollte es sich nicht schwerer als nötig machen. Flugangst ist behandelbar.

Es ist gesellschaftlich sehr bequem, das Internet als Instanz der Schuld zu betrachten. Und es ist nicht nur bequem, sondern gefährlich in dem Moment, in dem das Internet Teil der Lösung ist und nicht Teil des Problems. 3

Ich gucke jetzt noch ein paar Flugzeuge. Mist. Schon dunkel. Na dann eben Morgen. Oder doch? Gerade schaue ich nochmal kurz bei flightradar24 vorbei und sehe. Eigentlich müsste eine Maschine über Meschede kommen. Etwas Zeit ist noch. Ich zoome ganz nah in die Karte und denke mir, geh mal auf den Balkon. Zuerst das Geräusch, das man nachts bekanntlich besser hört. Sollte das die Maschine sein, die mir angezeigt wird. Ein Blick nach oben und sie fliegt exakt über unseren Balkon in Richtung Eslohe. Da laut Plan kein weiteres Flugzeug in 25km Reichweite angezeigt wird, ein sehr authentisches Erlebnis. Mein erster Flight Track. Irgendetwas begeistert mich daran. Ich weiß noch nicht was. Sicherheitshalber ein Screenshot, den ich hier teile.

Die Frachtmaschine kommt aus Moskau und landet gleich in Köln/Bonn (CGN). Ein letzter Tipp. Wenn Sie sich den Luftraum über New York anschauen, steigen Sie das nächste Mal mit einem mulmigen Gefühl in den Flieger.

flightradar - Nachtflug über Meschede

Anmerkungen und Quellen
  1. S. 127 Werte-Index 2012, Prof. Peter Wippermann, Jens Krüger
  2. S. 37, Werte-Index 2012, Kapitel Gesundheit
  3. Sascha Lobo, Spiegel online

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Frank Stratmann

... ist seit 2003 Projektentwickler für digitale Kommunikationskultur und virtuelle Beziehungsnetzwerke in der Gesundheitswirtschaft. Kurz Community Manager Healthcare für Gesundheitsnetzwerke, Ambulatorien, Medizinische Versorgungszentren, Klinik und Krankenhaus. Seit 2013 ist Frank Stratmann als Leiter Vertrieb Region West der Sana Kliniken AG. für die strategisches Marketingaufgabe eines an Werten ausgerichtetes Einweiserbeziehungsmanagements verantwortlich.
  • Marcus Surges

    Hallo Herr Stratmann,

    sehr interessanter Beitrag! Sie müssen mal werktags nachts zwischen ca. 0.30 und 1.00 Uhr schauen. Da sind besonders viele Frachtflugzeuge in Europa unterwegs: DHL, FedEx, TNT etc.

    Viele Grüße
    Marcus Surges