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Wie Google Glass die Medizin revolutionieren könnte

Google Glass wird immer konkreter. Der Komplize der Utopie einer gesunden Gesellschaft ist die Vorstellung, Technik verändere allein durch seine Anwesenheit das konservativ-linear manifestierte Denkmuster der Beteiligten in der Medizin und bringe das Seelenheil für alle.

Die meisten medizinischen Errungenschaften verdanken wir allerdings den Querdenkern. Veränderung ist das Ergebnis eines Prozessmusterwechsels, ausgelöst durch kreatives Umdenken.

Veränderung ist ein Bestandteil von Wandel. In unseren Köpfen verändert sich langfristig nur dann etwas, wenn unser Gleichgewicht gestört wird und wir unweigerlich damit beginnen, den Störenfried genauer zu begutachten. Dieser Ausgleichprozess heißt Kreativität.

Wie Google Glass die Medizin verändern könnte

Scheinbar unbeirrt von den Bremsern treiben (nicht nur) die großen Konzerne Ihre Entwicklungen voran. Eine solche Entwicklung ist Google Glass, ein Augmented Reality Gadget, das Google uns auf die Nase setzen will.

Google Glass ist aktuell Gegenstand einer Besprechung im Blog ichbinarzt.de, einem Blog für Ärztinnen und Ärzte. Die Autorin Hannah Hilgers überträgt Ideen auf Basis dieses Artikel in eine Gesellschaft, die sich der Google Brille bereits angenommen hat. Da wir gerade mit Blick auf die Schnelligkeit der digitalen Revolution kaum empirische Handlungsperspektiven haben, verbindet sie das technische Zubehör mit der medizinischen Prozessrealität von heute. Im Spannungsfeld Ihrer Überlegungen liegt der Kern.

Denn bis es soweit ist, werden sich die uns vertrauten Szenarien eines medizinischen Alltags längst mit verändert haben. Deshalb fände ich es angebracht, einige Gedanken von Hannah Hilgers weiter zu überhöhen.

Auch der Bundesverband Internetmedizin, dessen Vorstandsmitglied Dr. Markus Müschenich unten zu Wort kommt, greift die Diskussion von Hannah Hilgers auf.

Der Umgang mit Veränderung

Solch ein Störenfrid wie das Projekt Google Glass entführt uns (vorerst) gedanklich in eine Welt, die wir nur unvollständig begreifen können. Unsere Konstruktion von Welt liegt derzeit stark im Schriftlichen. Wer schreibt, der bleibt. Das Auge wird dabei auf das bloße Deuten von Lettern reduziert. Die Sinne sind weitestgehend ausgeschaltet.

Google Glass verspricht uns viel. Das Kino im Kopf hält mit realen Erlebnissen nicht Schritt und Augmented Reality, also die erweiterte Realität, die heute ansatzweise schon auf Smartphones Einzug gehalten hat, weckt Begehrlichkeiten.

Utopisten

Die einen berücksichtigen diesen digitalen Störenfried konsequent in Ihren Überlegungen, phantasieren vor sich hin und erkennen in dem Zubehört das nächste große Ding. Eine Hoffnung auf das eine Extrem, das die Welt endgültig in die digitale Transformation entlässt.

Google Glass erlaubt es uns, ohne dass wir das Teil je auf der Nase hatten, das konsequente Durchdenken eine Zukunft unserer Gesellschaft und damit auch die Zukunft der Medizin.

Hoffnungen, die im Jetzt wirken können, gemäß dem Motto des ersten, deutschen Professors für Experimentalphysik Charles Christoph Oichtenberg …

Ich weiss nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.

Konservativ zurück in die Zukunft

Konservative Denkmuster wirken auf viele, die sich ständig mit der Zukunft auseinandersetzen (müssen) wenig bewahrend, als vielmehr rückwärt gewandt. Auf der Stelle treten heißt nicht, aktiv gestalten.

Andere ignorieren den Störer konsequent und verpasen damit das kreative Moment. Sie bleiben tugendhaft bei dem, was sie immer tun. Die Bewahrer und Erhalter, die einen Status Quo am liebsten bis ins Unendliche erhalten würden, klingen unvernünftig.

Auch ich würde sagen. Die sich Weg bahnenden Veränderungen, deren Zeitgenossen wir sind, werden uns eines zukünftigen Tages ins Staunen versetzten. Niemand wird sagen, hätten wir damals doch nur. Zumindest wenn es beim ausgewogenen Verhältnis zwischen Utopisten und den Stehenbleibern bleibt. Aber auch hier gibt es erkennbare Veränderungen. Immer mehr Akteure des Systems rebellieren.

Dr. Markus Müschenich stellt in einem aktuellen Blogpost klar:

Das konservative Regelwerk des deutschen Gesundheitswesens reicht allerdings noch nicht aus, um die Chancen dieser neuen Welt zu nutzen aber auch und die wirklichen Gefahren abzuwenden. Deshalb dominiert häufig noch die Taktik des undifferenzierten Beißreflexes gegen diese neue Welt der Medizin.

Knappheiten überwinden

Andererseits. Eigentlich liegt das Wunder der Veränderung in der Überwindung von Knappheiten. Die Knappheiten sind Umstände, die man nicht länger ignorieren kann und meistens sind sie nicht materiell. Es geht als gar nicht um eine schicke neue Brille, sondern um deren Veränderungspotenzial.

Medizin ist nicht unbedingt unser Problem, sondern der Umgang damit.

Knapp scheint Ärzten Ihre Zeit, die sie heute für die Betreuung von Patienten zur Verfügung haben. Fällt das Fernbehandlungsverbot wären Hausarzttermine auch mit Googel Glass denkbar.

Knapp sind auch die finanziellen Ressourcen im Gesundheitssystem. Dort wo heute noch weite Wege in Kauf genommen werden, kann das Google Gestell mit dem kleinen Monitor helfen.

Mangel scheint es augenscheinlich auf Seiten der Qualität und der Produktivität zu geben. Erst kürzlich wurde bekannt, dass jede zweite Krankenhausrechnung falsch ist. Kann hier eine Brille weiter helfen? Vielleicht nicht direkt bei Rechnungsstellung, aber sicher lassen sich Anwendungsfälle konstruieren.

Für den Gesundheitsunternehmer Prof. Heinz Lohmann steht das Gesundheitssystem am Scheideweg. Mehr Produktivität sei das Gebot der Stunde forderte er anlässlioch des 5. Österreichischen Gesundheitswirtschaftskongresses in Wien Anfang März 2013.

Welche Knappheit müsste Google Glass kompensieren, damit das Gadget die Medizin verändert? Medizin entwickelt sich seit Jahren auf hohem Nibveau weiter; konträr zu den finanziellen Möglichkeiten des Systems. Die Begehrlichkeiten der Patienten steigen.

Knappheiten zu überwinden kann auch bedeuten, die Menschen pfeifen zumindest Teilen auf Ihr Gesundheitssystem. Sie fühlen sich nicht nur mächtiger. Sie werden es auch und sie nutzen eigenverantwortlich die Ihnen verfügbaren technischen Hilfsmittel. Immer dort, wo ein ökonomischer Nutzen erkennbar wird.

Tinnitracks ist Internetmedizin

Das kann dann auch zu Lösungen wie Tinnitracks führen, wie vor Kurzem hier im Blog berichtet. Eine hoffnungsschwere Therapie gegen Tinnitus, die ohne Fachrzt über das Internet gelingt. Alles, was ich brauche ist meine Tinnitus Frequenz.

Wenn das Vertrauen in ein zunehmend marodes Gesundheitssystem weiter bröckelt, entscheiden die Menschen dafür, die Dinge selbst zu steuern. Zumindest in den Bereichen, die sich unabhängig der ärztlichen Kunst organisieren lassen.

Hinein in die Utopie

Die Google Brille ist mehr als nur eine Kamera, die eine Übertragung des “Jetzt in diesem Augenblick” möglich macht und einen Sender und einen Empfänger braucht. Wenn sie Ihre Versprechen hält, entwickelt das Gestellt sich zu einem täglichen Begleiter, zu einem Diagnose- und Präventionsapparat und damit zum Bestandteil der Persönlichkeit.

Google Glass greift auf das Profil und damit auf die Gesundheitsakte des Individuums in der Cloud zurück. Ob die ausschließlich bei staatlich anerkannten Stellen liegen muss, ist fraglich. Suchanfragen, Bewegungen im Netz und das persönliche Netzwerk geben Auskunft über die Lebensumstände des Einzelnen und füttern die täglichen Entscheidungen mit Empfehlungen.

Während ich das hier schreibe, fühle ich mich erinnert an die Keynote von Prof. Dr. Lutz Heuser beim Kongress der Gesundheitsnetzwerkerapril 2013.

Oder an das Kapitel von Matthias Horx (Healthstyle 2025) im Buch von Friedrich Merz (Wachstumsmotor Gesundheit). Darin habe ich gelesen …

Als Aaron B. an diesem Morgen die Daten seiner Toilettenanalyse auf dem Schirm in der Küche aufleuchten sah …

Als Matthias Horx das schrieb, konnte er Google Glass noch nicht kennen.

Ich bin gespannt auf Eure Utopien. Feuer frei. Das Buffet für Visionen ist eröffnet. Und noch ein Gedanke. Hat schon jemand ein Google Glass Träger von vorn gesehen. Vielleicht liegt es daran, dass man dann doch mal schielen muss, um nichts zu verpassen.

Update 23.05.2013 | Vor Kurzem erchien ein Erfahrungsbericht zu Google Glass im Spiegel Blog. Erstaunlich leicht soll sie sein, was dem medizinischen Alltag entgegenkommen dürfte. Der Autor hatte die Chance, eine halbe Stunde mit Google Glas am Rande der Entwicklerkonferenz Google I/O 2013 mit dem Gadget zu spielen.

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Frank Stratmann

... ist seit 2003 Projektentwickler für digitale Kommunikationskultur und virtuelle Beziehungsnetzwerke in der Gesundheitswirtschaft. Kurz Community Manager Healthcare für Gesundheitsnetzwerke, Ambulatorien, Medizinische Versorgungszentren, Klinik und Krankenhaus. Seit 2013 ist Frank Stratmann als Leiter Vertrieb Region West der Sana Kliniken AG. für die strategisches Marketingaufgabe eines an Werten ausgerichtetes Einweiserbeziehungsmanagements verantwortlich.