Das Internet ist keine Konkurrenz? Ihr habt die Wahl!

Ärzte Vernetzt Euch

Wie oft erleben wir es in diesen Tagen, dass etwas Neues vorgestellt wird und im gleichen Atemzug heißt es, …

Das Neue B soll keine Konkurrenz zum Etablierten A sein

Mal ehrlich. Ist das ehrlich? Handelt es sich bei diesen Aussagen nicht um eine vorgeschobene Relativierung der bewusst herbeigeführten Antwort auf nicht mehr umkehrbare Entwicklungen? Ist B nicht logische Antwort auf eine Knappheit, die A nicht mehr auszugleichen vermag? Ist Konkurrenz nicht Wettbewerb (Rivalität) mindestens zweier Akteure auf nahezu gleicher Augenhöhe?

Auch die Dampfmaschine war in den ersten Tagen keine Konkurrenz zum Pferd. Mit dem Blick auf die komprimierte Zeitgeschichte ist klar, dass die Entwicklungen vielfältig waren und die Industrialisierung sich Ihren Weg bahnte. Wirklich konkurriert haben beide erst in der Rückschau und Pferde gibt es auch heute noch, auch die Folgen dieser Entwicklung sind heute eine Errungenschaft der Zeitgeschichte. Auch das Internet hat potenziell sehr viel Kraft für Veränderung und Wandel. Längst ist uns klar, nicht die Anwesenheit, sondern die aktive Nutzung (Web 2.0/Social Media) verändert die Gesellschaft und damit die Welt in der wie leben.

Lassen Sie mich zunächst ein Beispiel anführen, damit wir besser verstehen, warum das Internet in der Tat keine Konkurrenz, sondern eine sinnvolle Ergänzung zum ärztlichen Beruf darstellt. Das folgende Beispiel besitzt selbstverständlich nicht die gleiche Dimension wie die Dampfmaschine. Es handelt sich dabei um das Granulat einer Einzelentscheidung als Folge auf die Nutzung einer heutigen Dampfmaschine. Zöge man einen Vergleich (hinkt), hieße die Dampfmaschine Vernetzung und sie schwirrt uns allgegenwärtig um die Ohren. Schauen wir uns das mal näher an.


Beispiel tagesWEBschau.

Die ARD startet in Kürze eine tägliche Nachrichtensendung, die in keinem Fall eine Konkurrenz zum erfolgreichsten, deutschen Nachrichtenformat “tagesschau” sein will 1. So die Macher von Radio Bremen. Sicher das Format verdrängt die Tagesschau nicht von Montag auf Freitag. Zur Konkurrenz wird die neue Veranstaltung erst, wenn in Zukunft beide Formate versuchen, nebeneinander zu existieren und um die gleichen Zuschauer buhlen. Ich gehe davon aus, dass sich beide Formate irgendwann aufeinander zu bewegen. Man dürfte also schon heute von einer sinnvollen Ergänzung sprechen. Und das erklärt sich folgendermaßen.

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Wenn wir – wie in der Medizin – den Wunsch der Patienten spüren, nach mehr Beteiligung und Transparenz, warum sollte dann nicht der Nachrichtenkonsument auf die Idee kommen, sich das ganze Bild zu wünschen. Eine lange, lange Zeit wird die Tagesschau als Oldschool-Sender-Empfänger-Format noch Abnehmer finden.

Auch ich bleibe gern Zuschauer. Partizipation kann auch anstrengend sein. Schließlich verlässt man die Position des Passiven. Ich stelle aber zunehmend fest, dass mich Nachrichten um 20:00 Uhr meistens schon über mein persönliches Netzwerk und durch mein Angeschlossensein (Vernetzung) erreicht haben. Zugegeben, das geht nicht jedem so, weil ich meinen Beruf als Kopfarbeiter angeschlossen ans Internet ausübe.

Hintergründe und Analysen aus journalistischer Feder sind mir immer noch wichtig. Das ganze Bild entsteht aber auch, in dem ich aufs einfachste reduzierte Impulse aus meinem Netzwerk zu Rate ziehe, um mir eine eigene Meinung zu bilden. Bitte verwechseln Sie das nicht mit Nachplappern.

Wenn die ARD also eine Knappheit erkennt, weil die Meinung des Schwarms zur Meinungsbildung dazu gehört, dann ist das eine gute Entwicklung. Schließlich will die neue Nachrichtensendung im Web in kurzen Beiträgen die wichtigsten Ereignisse und Themen des Tages bündeln und aus „Sicht des Netzes“ aufbereiten, wie es von den Machern heißt 2

Die ersten beiden Pilotsendungen allerdings lassen diesen Anspruch noch vermissen. Schnipsel von Meldungen, die internet-induziert sind, aber nicht aus “Sicht des Netzes” aus aufbereitet sind.

Ich vermisse Stimmen aus dem Netz. Die Sendung vom 30. Mai 2012 beleuchtet die Vergewaltigungsaffäre um Wikileaksgründer Assange, den Aufruf zum Münchmord via Facebook und ein Buch, zusammengestellt aus der Google Bildersuche.

Auf den ersten Blick ist das wirklich keine Konkurrenzveranstaltung zur Tagesschau. Und wie im Verhältnis zwischen Arzt und Patient, vollzieht sich auch hier ein zäher Paradigmenwechsel. Doch dürfen wir schon heute davon ausgehen, dass partizipatorische Elemente in allen Lebenslagen Einzug gehalten haben und sich das Sender-Empfänger-Prinzip, übertragen auf die Masse, nicht mehr lange trägt. Wir haben die Ära bereits überwunden, in dem wir stillschweigend hingenommen (geglaubt) haben, was uns die “tagesschau” predigt. Selbst Konsumenten, die sich nicht aktiv beteiligen, werden den Anspruch erheben, Zugang zu einem erweiterten Meinungsbild zu erhalten. Social Television (Social TV) ist gegenwärtig.

Übertragen auf das Verhältnis Arzt – Patient

Insofern ist dieses Beispiel aus dem Umfeld TV stark verknüpft mit den gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen und darunter leidet oder profitiert, je nach Blickwinkel, auch das Verhältnis zwischen Arzt und Patient. Auch hier spielt die Infrastruktur Internet und dessen Kraft zur Meinungsbildung und vor allem als Informationsquelle für das Entstehen von Wissen eine große Rolle. Jetzt wünsche ich mir nur, dass noch viel mehr Ärzte und Zahnärzte die Knappheit erkennen und in der Existenz des Internets keine Konkurrenz, sondern eine sinnvolle Ergänzung zum ärztlichen Beruf erkennen. Informationen ließen sich so aus erster Hand wesentlich umfangreicher vermitteln. Auch das Teilen von Wissen ist weniger gefährlich, als man glaubt. Es wird zu Notwendigkeit, weil das Horten von Wissen ineffektiv ist und nicht dabei hilft, Knappheiten zu überwinden. Zur Konkurrenz im oben definierten Sinne wird die Veranstaltung Internet dann, wenn Ärzte weiter versuchen, Ihre Arbeit isoliert zu den Entwicklungen im Internet zu gestalten.

Spätestens dann werden das Internet, Patienten-Communities und Online Sprechstunden zur Konkurrenz.

Insofern wünsche ich allen Beteiligten am Gesundheitsgeschehen den Mut, Partizipation zu leben, anstatt es nur zu fordern. Zu wenig Wissen, durch zu wenig Verarbeitung von Information, ist immer noch Gegenstand vieler Krankheitsverläufe, die dann nicht selten tragisch enden.

Aus persönlichen Gesprächen weiß ich, dass Patienten vom persönlichen Umfeld immer noch im Glauben gelassen werden, ein positiver Befund sei eher gut für sie. Oder durch eine falsche Zurückhaltung oder bewusste Verklausulierung bei der Besprechung von Diagnosen bleibt beim Erkrankten und seinem persönlichen Umfeld ein mulmiges Gefühl, ohne echte Orientierung. Die sich anschließende Ohnmacht und das Gefühl, der Krankheit ausgeliefert zu sein, verstärken sich. Warum vertrauen wir nicht auf die Kraft der Erkenntnis? (… mitgebracht von einer Beerdigung gestern)

Hier bewegen wir uns an der Schwelle, an der ein mündiger Patient Autonomie fordert. Autonomie ist die neue Freiheit, wie der Werte-Index 2012 zeigt. Dort heißt es …

Freiheit bedeutet heute nicht mehr freie Auswahl oder mehr Individualität, sondern Autonomie.

Die Gesundheitswirtschaft allgemein, nicht nur der versorgende Teil, muss daran mitwirken, eine Knappheit von Freiheit im Rahmen der Teilhabe am Wissen von Krankheit auszugleichen. Sonst bleibt das Internet eine Konkurrenz im Verhältnis zwischen Wissen und Unwissenden. Die Kraft geht vom Patienten aus. Er wird sich weiter abstrampeln, das asymmetrisch geprägte Wissensverhältnis mithilfe des Internets auszugleichen. Mit oder ohne ärztlichen Anschluss. Ihr habt die Wahl!

Wenn Wissen die erkannte Knappheit ist, wäre der kreative Umgang durch Teilhabe (Partizipation) an Vernetzung keine Konkurrenz, sondern die logische Folge. Genauso, wie ein Nachrichtenformat der “tagesWEBschau” eine Antwort auf den Wunsch der Menschen darstellt, das ganze Bild zur Meinungsbildung zu nutzen. Hoffentlich bald und hoffentlich unter echter Partizipation der Zuschauer.

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Frank Stratmann

... ist seit 2003 Projektentwickler für digitale Kommunikationskultur und virtuelle Beziehungsnetzwerke in der Gesundheitswirtschaft. Kurz Community Manager Healthcare für Gesundheitsnetzwerke, Ambulatorien, Medizinische Versorgungszentren, Klinik und Krankenhaus. Seit 2013 ist Frank Stratmann als Leiter Vertrieb Region West der Sana Kliniken AG. für die strategisches Marketingaufgabe eines an Werten ausgerichtetes Einweiserbeziehungsmanagements verantwortlich.