Kooperation als Antwort auf Machtverschiebung

Freiwillige Verbindlichkeit

Das Thema Kooperation, auch unter Wettbewerbsbedingungen ist eines meiner beliebten Ansätze, die Gesundheitsmärkte der Zukunft zu beschreiben. Gerade erst las ich diesen interessanten Artikel und die darin zum Ausdruck gebrachte Meinung will ich einmal auf die Situation zwischen Arzt und Patient übertragen.

Der 115. Deutsche Ärztetag hat beschlossen, Kooperation und Vernetzung in der ärztlichen Versorgung mehr Spielraum einzuräumen. Das ist gut so. Obwohl ich bereits meine Enttäuschung darüber zum Ausdruck gebracht habe. Denn unter Kooperation verstehen Ärzte zunächst ein juristisches Komplex. Für mich ist Kooperation im ersten Schritt ein soziologischer oder besser vielleicht ein sozioökonomischer Sinneswandel.

Die Machtverhältnisse verschieben sich zugunsten der Patienten, die immer einfacher auf gesundheits- und krankheitsbezogene Informationen zugreifen können. Hinzu kommt, dass Patienten sich zunehmend miteinander vernetzen und aktuell leider nur sehr weniger Ärzte (bei allem Respekt) die Teilhabe an Sozialer Vernetzung in Erwägung ziehen. Die wenigen Ärzte und Zahnärzte ausgenommen, verweigern sich der ganze Berufsstand sehr aggressiv vor den augenscheinlich als wertschöpfend Entwicklungen. Oft wird ein fehlender Nutzen bemängelt. Allerdings dürfte den meisten gar nicht klar sein, was in sozialen Netzwerken passiert. Sie sind gar nicht dort und lassen sich von einer recht einseitigen Berichterstattung der Medien irritieren.

Ich sage das bewusst harsch. Denn genau so handlungsunfähig wie sich viele Regierungen in dieser Zeit zeigen, finden Ärzte und Zahnärzte keine adäquate Antwort auf die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Zugegeben, es ist nicht leicht, die Zusammenhänge im täglichen Hamsterrad zu erkennen. Deshalb gibt es dieses Blog. Bei den sich wegbahnenden Entwicklungen handelt es sich um die Form einer kalten Revolution, die einen zähen Paradigmenwechsel im Dialog zwischen Arzt-Patienten zur Folge hat.

Es herrscht eine besondere Form des Protektionismus auf das Wissen um gesundheitliche Zusammenhänge. Die Folge ist, dass sich Patienten immer weniger an Ihren Arzt oder Zahnarzt binden wollen. Eine anfänglich erkennbare Kluft ist längst zu einem Graben geworden, in dem jetzt auch noch Nebel aufzieht. Das verwirrt beide Seiten. Jeder Seite glaubt das Richtige zu tun. Eine scheinbar unsichtbare Macht sorgt dafür, dass sich beide Parteien mit den jeweils falschen Rezepten voneinander entfernen.

Der oben erwähnte Artikel titelt: »Wir können nur durch Kooperation überleben 1«. Kooperation als Gegenspieler des Egoismus Prinzip? Interessante Perspektive.

Das Egoismus Prinzip

Bleiben wir ehrlich. Längst nicht überall, aber mit steigender Tendenz regiert im Verhältnis zwischen Arzt und Patient das Prinzip des Egoismus. Weil Patienten dem Gesundheitswesen per se misstrauen – nicht nur weil Korruptionsvorwürfe die Runde machen – verändert sich der Anspruch wie Menschen zum Arzt gehen. Auch die seit Jahrzehnten praktizierte Vollkaskomentalität bei gleichzeitiger Intransaprenz verschiebt bei Menschen mit einer Versicherungskarte den Anspruch in Richtung Egoismus. Die Erwartungen an die ärztliche Kunst sind oftmals bereits industrialisiert. Patienten warten nicht selten bis zum Äußersten, schrauben mithilfe von Selbstmedikation an sich selbst herum oder erwarten, dass Gesundheit repariert wird, wie ein stotternder Motor, bei dem man nur eine Zündkerze austauschen muss.

Gleichfalls erwarten Ärzte – verständlicherweise – eine entsprechende Vergütung und Entlohnung. Viele entfalten eine dem System schädliche Kreativität bei Abrechnung und Leistungsverkauf an die Patienten, die mit ärztlichem Idealismus kaum mehr etwas zu tun hat.

Kooperation als Antwort

Die andere Seite ist hoffnungsfroher. Sie erkennt neben der Neugier in der Kooperation den Grundstein für den Erfolg der Menschheit.

Der Evolutionsforscher Frans de Waal beispielsweise hat aufgezeigt, dass die Menschen vor allem Herdentiere und soziale Wesen sind. Der Grund hierfür liegt lange zurück: Als unsere Vorfahren einst die Wälder verließen und sich in eine offene und für sie gefährliche Welt begaben, wurden sie zur Beute und mussten zum Überleben eine Gemeinschaftsorientierung entwickeln 2.

Empathie ist dabei eine wichtige Eigenschaft, die immer schon im Dialog zwischen Arzt und Patient wichtig war. Wenn sich die Patienten also aufmachen, den Wald zu verlassen und zunächst Google konsultieren und dann zum Arzt gehen, müssen Sie sich zusammenschließen. Das tun Sie mithilfe von Online-Communities (Web 2.0) und Social Media als Extranet für den Dialog mit anderen Betroffenen. Nicht nur Verbraucher vertrauen zunehmend auf fremde Meinungen, wenn Sie materiell konsumieren. Auch die Dienstleistung erfindet sich durch die Nutzbarkeit des Internets neu.

Begrifflichkeiten wie die Partizipatorische Entscheidungsfindung (PEF) deuten an, dass es künftig vermehrt um Kooperation gehen muss, wenn Arzt und Patient zueinander finden. Ansonsten mache nicht nur ich mir berechtige Sorgen, wie es weitergehen könnte. Wenn sich Patienten zusammenschließen, sollten Ärzte und Zahnärzte sich dem nicht verweigern und Teil dieser Gemeinschaft werden.

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Elinor Ostrom wird im oben genannten Artikel genannt. Er untersuchte erfolgreiche und gescheiterte Projekte, die sich für den Schutz von Ressourcen als Gemeinschaftsgut stark gemacht hatten. Er kommt zu dem Ergebnis:

Grundlagen gelingender Kooperation sind demnach Kommunikation, Vertrauen, Reputation, die Anpassung an gemeinsam entwickelte Regelwerke oder auch Instrumente zur Bestrafung opportunistischen Verhaltens.

Die hervorgehobenen Wörter sind Thema dieses Blogs mit Fokus auf Ärzte, Zahnärzte und Ihre Patienten. Vielleicht erkennen Sie jetzt, was mich an dem Artikel fasziniert. Haben Sie ihn schon gelesen? Vernetzung bedeutet immer, miteinander zu kooperieren. Man muss aber erkennen, dass Kooperation im Kleinen beginnt. Jeder Small Talk, den anderen zu Wort kommen lassen, jedes Zulassen einer fremden Meinung setzt ein kooperierendes Verhalten voraus und ist Impuls für die persönliche Kreativität mit der sich dann viele andersartige Dinge im Sinne des persönlichen Erfolgs erschaffen lassen.

Wir können nur durch Kooperation überleben.

Anmerkungen und Quellen
  1. zeit.de – Globalisierung: Wir können nur durch Kooperation überleben
  2. ebenda

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Frank Stratmann

... ist seit 2003 Projektentwickler für digitale Kommunikationskultur und virtuelle Beziehungsnetzwerke in der Gesundheitswirtschaft. Kurz Community Manager Healthcare für Gesundheitsnetzwerke, Ambulatorien, Medizinische Versorgungszentren, Klinik und Krankenhaus. Seit 2013 ist Frank Stratmann als Leiter Vertrieb Region West der Sana Kliniken AG. für die strategisches Marketingaufgabe eines an Werten ausgerichtetes Einweiserbeziehungsmanagements verantwortlich.