Netzgrundversorgung und Netzneutralität

Achtung Patient online!

Die Telekom suggeriert uns in Ihrem aktuellen Werbespot, man müsse weniger häufig zur Sprechstunde, weil das Internet uns den Weg spart. Jetzt schafft die Telekom zum Mai 2013 die Flatrate ab. Das ist schizophren.

Unmittelbar entfacht die Telekom im Jahr der Bundestagswahl 2013 die Debatte um Netzgrundversorgung und Netzneutralität neu an.

Vernetzung ist nicht nur Thema dieses Blogs, sondern auch Gegenstand meines Geschäftsmodells. Darüber hinaus ebenso ein gesamtgesellschaftlicher Prozess, der allerdings nicht so recht zur Mentalität der Deutschen passen will. Deshalb diese Feststellung, die ich eben las.

Im Land, dessen großer Buchbestseller 2012 “Digitale Demenz” hieß, fehlt schmerzhaft das Klima pro Vernetzung, um eine geistig-moralische Netzwende hinzulegen.

Netzgrundversorgung

Ich schlage vor, den Artikel von Sascha Lobo über DSL-Flatrates: Die Telekom erdrosselt das Internet auf SPIEGEL ONLINE zu lesen. Das verbessert die Verständigung mit den Überlegungen hier. Kommen wir zurück auf die Unternehmenskampagne zum oben angesprochenen Video der Deutschen Telekom. Sie soll die Kernbotschaft transportieren

In diese Welt nehmen wir Sie mit. – Mit dem besten Netz. (… und trotzdem kann man auch mal ausschalten.)

Pustekuchen. Das in Klammern gesetzt Appendix des Claims wird Programm. Die Welt, die die Telekom ab Mai 2013 erfindet, passt nicht zur Darstellung, wir alle steuerten auf ein smartes Leben zu, das vor Annehmlichkeiten nur so strotzt. Wenn hier jemand abstellt, dann die Telekom. Denn für den Besuch per Videoschalte (wie im Werbefilmchen gezeigt) bei anderen Menschen, z.B. dem Hausarzt, brauche ich Breitband. Noch ist die Fernbehandlung kein Ding in Deutschland. Klar. Kommt aber früher oder später.

Eigentlich diskutiert die Politik längst darüber, Breitband Internet in den Grundversorgungskatalog aufzunehmen. Eine moderne digitale Infrastruktur ist unverzichtbar für unsere demokratische Gesellschaft und eine positive ökonomische Entwicklung in Deutschland, heißt es seitens des Deutschen Bundestags. Die Politik verschläft allerdings, was dringend zu tun wäre.

In der Schweiz zählt die breitbandige Internetverbindung zum Öffentlichen Dienst. Dort liegt die garantierte Breitbandversorgung dreimal über dem gedrosselten Standard, den die Telekom jetzt einführen will. Nicht nur in der Krankenhaus-Hygiene liegen die Niederlande auf einem höheren Niveau, sondern auch bei dieser Debatte haben unsere Nachbarn die Nase vorn und gesetzlich geregelt, dass das Internet zur Grundversorgung gehört. Eine Entscheidung des Bundesgerichtshofs aus dem Januar 2013 macht deutlich, das selbst die Gerichte hierzulande begriffen haben, worum es geht.

Der Zugang zum Internet sei auch im privaten Bereich von zentraler Bedeutung für die Lebensführung, entschied der BGH. Deshalb bestehe auch ohne Nachweis eines konkreten Schadens ein Ersatzanspruch, wenn die Nutzungsmöglichkeit entfällt.

Malte Spitz bloggt daraufhin Der Internetzugang ist zentral für ökonomische wie soziale Teilhabe und entscheidend für die Wissensvermittlung,.

Schnelles Internet ist eigentlich eher breit, lässt also mehr Daten durch. Nur deshalb erleben wir einen Geschwindigkeitsvorteil.

Wer sich einlesen will und die politische Dimension begreifen will, dem sei die Drucksache 17/5902 ans Herz gelegt. Der Antrag “Schnelles Internet für alle – Flächendeckende Breitband-Grundversorgung sicherstellen und Impulse für eine dynamische Entwicklung setzen” aus dem Jahre 2011 zeigt, dass das Thema nicht neu ist. Und deshalb stimme ich Sascha Lobo zu, wenn er feststellt:

Jetzt rächt sich bitter, dass die Bundesregierung das Internet als politische Verhandlungsmasse betrachtet und nicht als gesellschaftliche, kulturelle und ökonomische Zukunft.

Netzneutralität

Es geht hier nicht darum, mal ein wenig an der Bandbreite zu schrauben und ein paar Tage ein Ruckeln im Internet zu ertragen, bis sich mit dem nächsten ersten ein neues Breitbandkontingent freischaltet. Die Telekom priorisiert eigene Streamingdienste und rechnet diese nicht auf das bereit gestellte Datenvolumen an. Kenner betrachten diese Entscheidung als das Ende der Netzneutralität, denn während YouTube keinen Spaß mehr macht, kann ich weiterhin HD Fernsehen.

Diskutieren wir demächst, ob die Telekom mitentscheidet, welcher Gesundheitsdienst auf deren eigenen Plattform neben videload zu finden sein wird, weil es bandbreitenunabhängig angeboten werden muss, damit der Business Plan aufgeht?

Facebook ist nicht das Internet. Jetzt will Telekom das Internet werden. Zumindest laufen wir Gefahr, dass unaufgeklärte nutzer den Umstand hinnehmen, dass die Telekom sich ein Mitspracherecht einräumt, welcher zukünftige Dienst eine Chance hat und welcher nicht.

Ich habe das drüben im WOLL Magazin mit Blick auf die unterversorgte Region genauer erklärt.

Ich selbst nutze zu 90% Cloud basierte Dienste. So genannte Software as a Service schont heimische Ressourcen wie die Festplatte und nutzt stattdessen eine ausgelagerte Serverinfrastruktur. Setzt sich das Preismodell der Telekom durch (und wäre ich mit dem DSL Anschluss Telekom Kunde), schränkt das meine Wettbewerbsfähigkeit ein, wenn die Telekom mitentscheidet, welcher Dienst spannend ist und welcher besser außerhalb des bereitgestellten Datenvolumens verbraucht.

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Frank Stratmann

... ist seit 2003 Projektentwickler für digitale Kommunikationskultur und virtuelle Beziehungsnetzwerke in der Gesundheitswirtschaft. Kurz Community Manager Healthcare für Gesundheitsnetzwerke, Ambulatorien, Medizinische Versorgungszentren, Klinik und Krankenhaus. Seit 2013 ist Frank Stratmann als Leiter Vertrieb Region West der Sana Kliniken AG. für die strategisches Marketingaufgabe eines an Werten ausgerichtetes Einweiserbeziehungsmanagements verantwortlich.