VERNETZT EUCH – was heißt das eigentlich?

Ärzte Vernetzt Euch

Gerade frisch zurück von der ersten Kreativkonferenz für Klinikmarketing erreicht mich eine Meldung: Der 115. Deutsche Ärztetag stimmt für mehr Vernetzung. Innovative Konzepte für Kooperationen von Ärztinnen und Ärzten sollen stärker gefördert werden. In einem Schwerpunktthema beschäftigte man sich mit unterschiedlichen Kooperationsformen in der Patientenversorgung 1.

Geht doch. Könnte man meinen. Jedoch wurden denkbare Kooperationsformen über die gesamte Bandbreite der Vertragsgestaltung im SGB V vorgestellt. Mancher steigt hier schon wieder aus. Im Jargon der Berufsstände ist Kooperation erst einmal ein juristischer Begriff und damit ein Konstrukt. Damit wird aus Kooperation ein riesiger Berg und der Arzt zum Ochsen, weil er dort rauf soll.

Darüber möchte ich in diesem Beitrag sinnieren.

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Und noch ein Gedanke:Bleibt es bei der einfachen Beobachtung zwischen Medizin und Zahnmedizin oder übernimmt man wechselseitig Anregungen? Wie ist das Verhältnis im Miteinander tatsächlich? Dürfen wir schon von Vernetzung im Geiste sprechen?

Folgerichtig haben wir auf Facebook das Thema gleich mal in der Gruppe der Hamburger Dentalfamilie diskutiert. Auf den Unterschied zwischen Medizin und Zahnmedizin gehe ich später noch ein. Ein dort anwesender Zahntechniker stellte die Echtheit der Absicht hinter der Forderung für mehr Vernetzung in Frage …

Sind sie den alle auch ehrlich mit einander, weil ein Gott in Weiß schlecht einen anderen Gott akzeptiert ;-) das trifft nicht auf alle Zahnärzte zu.

Erkenntnisse über Halbgötter

Erst einmal hätte man denken können, das Etikett als Gott oder wie der Volksmund relativiert, der Halbgott in Weiß, läge schon im Altpapier oder wäre mit dem Absetzen der Schwarzwaldklinik im Archiv privater Videosammlungen verschwunden. Außerdem tragen viele Ärzte und Zahnärzte jetzt bunte Polos.

Ich bin der Meinung, Patienten haben das längst begriffen. Und die Gesundheitswirtschaft auch. Auf Konferenzen und Kongressen, in Redaktionen und im Internet ist die Diskussion über die keimende Mündigkeit der Patienten längst angekommen. Der Patient beteiligt sich an dieser Diskussion nicht fachlich, weil ihm nicht bewusst ist, welche Veränderungen er mit seinem Verhalten antreibt.

Im Mittelpunkt des Diskurses überbieten wir uns mit Begrifflichkeiten. Mal ist der Patient mündig, dann sogar autonom und gern auch souverän. Der Grad an Souveränität, den Ärzte einräumen ist unklar. Paternalismus und Partizipation stehen sich bis an die Zähne bewaffnet gegenüber. Demnach müssen Verfechter pro Selbstmedikation Anarchisten sein?

Gefragt wird: Bleibt nicht der Meistwissende per se der Souverän, wenn es um medizinische Entscheidungen geht? Wie stark also werden Ärzte und Zahnärzte die Verweltlichung Ihres Berufsstands akzeptieren 2? Während der Patient sich abstrampelt, ein asymmetrisch geprägtes Wissensverhältnis auszugleichen und sich dafür immer stärker vernetzt, vor allem mit Gleichgesinnten, spricht der Ärztetag nicht von einer Vernetzung von Wissen, sondern von Versorgungsmodalitäten. Warum fangen wir nicht bei den Menschen an?

Souvenir von einer Kreativkonferenz

Logo KhochN 2012 - Kreativkonferenz

Offizielles Logo KhochN - Agentur WOK

Als Teilnehmer und Referent der ersten Kreativkonferenz für Klinikmarketing http://www.khochn.de habe ich eine Erkenntnis mitgebracht.

Die Konferenz widmete sich am ersten Tag in drei unterschiedlich konzipierten Knowledge Cafés den unterschiedlichen Anspruchsgruppen. Eine als Opener der Konferenz veranstaltete Debatte hinterfragte, wer eigentlich Kommunikationspartner für ein Krankenhaus ist und daraufhin priorisiert bedient werden sollte. Es ging dabei um Marketingkommunikation im weitesten Sinne.

  • Marketingkommunikation gegenüber Einweisern und anderen Partnern (b2b)
  • Marketingkommunikation gegenüber Bürgerinnen und Bürger (b2c)
  • Marketingkommunikation gegenüber Patientinnen und Patienten (b2c)

Dem aufmerksam Mitarbeitenden in den drei Workshops fiel schnell auf, dass der Teil der Kommunikation mit Einweisern deutlich weniger emotional, eigentlich schon fast technokratisch verlief.

Keine Frage, es braucht zeitgemäße Technik, um Prozesse zwischen Krankenhaus und Einweiser effektiver zu gestalten. Viel mitreißender empfand ich allerdings die Diskussionen um die Kommunikation mit den eigentlichen Abnehmern von Leistungen eines Krankenhauses. Bürger, die eines Tages zu Patienten werden.

Hier spürte man: Es menschelte dann und wann. Teilnehmer der Konferenz, die selbst Patient und Bürger sind, aber Marketingkommunikation aus der Perspektive eines Krankenhauses leisten sollen, können sich viel besser in die Rolle der Betroffenen versetzen. Weniger konkret gelingt dies beim Versuch, die Perspektive des Einweisers, also die Sichtweise des Arztes mit eigener Praxis zu erfassen.

Diversität der Wertehierarchien

Kommen wir noch einmal auf den Anspruch von Vernetzung zurück und damit zum Selbstbild des Berufsstands. Eng verknüpft mit Selbstbildern ist die Hierarchie von Werten.

In einem Rechtsstaat bedeutet Souverän in etwa Volk. In Monarchien ist es der Monarch allein. Von Göttern hat man selbst noch nicht viel dazu gehört. Überträgt man das Dogma der christlichen Kirchen auf die noch nicht überwundene Etikettierung als Halbgott in Weiß, wird klar, warum eine Vernetzung mit dem Patienten helfen könnte, derartige Vorurteile zu überwinden.

Der Patient wüsste schlicht mehr und hielte andersartig Kontakt zur Vertrauensperson Arzt. Das zerstört dieses Gefühl, im Falle von Krankheit, vor den allmächtigen Kadi treten zu müssen. Patienten suchen also nach Wegen, diese Emotionen zu überwinden. Unbewusst sicher. Doch das geht nur mit Wissen, Wissen und Wissen. Wissen entsteht durch das Verarbeiten von Informationen und die sind gleichfalls vielfältig wie gegenwärtig.

Was der Trendforscher sagt

Prof. Peter Wippermann und der von ihm verantwortete Werte-Index 2012 sieht Gesundheit in der Wertehierarchie auf Platz 3 nach Familie und Freiheit. Dafür analysierte das Trendbüro Hamburg mit TNS Infratest die User-Diskussionen im deutschen Internet sowohl quantitativ, als auch qualitativ aus. Und immerhin. Mehr als dreiviertel der Deutschen sind online.

Außerdem wurde festgestellt: Seit einiger Zeit gehen wir zunächst zu Google und dann zum Arzt.

Wenn es also so etwas gibt wie Basisdemokratie in der Medizin, sollten wir uns mit der Anwesenheit einer kalten Revolution abfinden. Das Volk hat sich längst entschieden, seine Götter zu missachten und setzt Gesundheit und damit die Selbstbestimmtheit beim Thema Krankheit in der Wertehierarchie weiter nach oben. Im Jahr 2009 lag Gesundheit noch auf Platz 4.

Warum noch einen Gott anbeten, wenn ich durch die Teilhabe an Vernetzung mich selbst befähigen kann? Konsequent im Sinne der Versorgungsauftrag wäre, sich am Markt für Informationen zu beteiligen. Und zwar so, dass ich mich als Person Arzt einbringe. Es ist nicht immer zwingend, große Reden in Schriftform zu schwingen, warum diese und jene medizinischen Zusammenhänge wichtig sind. Dasein wäre ein erster Schritt.

Ich habe an unzähligen Stellen hier im Blog und in sozialen Netzwerken, Foren, Gruppen und Communities über Fallbeispiele geschrieben, warum Ärzte durch die Anwesenheit von Wissen über medizinische Zusammenhänge Probleme bekommen. Ich spare mir das an dieser Stelle.

Was heißt Vernetzung?

Wenn der 115. Deutsche Ärztetag von Vernetzung spricht und damit die Ärztezeitung begeistert ist, dann müssen wir zunächst einmal fragen, was Vernetzung eigentlich ist. Denn die Headline Ärzte, Vernetzt Euch !! suggeriert das Falschgemeinte.

Ärzte Vernetzt Euch

Der Deutsche Ärztetag meint damit vor allem die Kooperation in der Gruppe der am Gesundheitsgeschehen Beteiligten. Diese Benennung der Gruppierung habe ich mir irgendwann einmal ausgedacht, weil ich eine Kurzform aller Beteiligten, einschließlich der Patienten fürs Schreiben suchte und Aufzählungen meiden wollte. Aber wie oben festgestellt, geht es im ersten Schritt noch nicht um den Patienten. Ich wiederhole mich gern noch einmal.

Im Jargon der Berufsstände ist Kooperation erst einmal ein juristischer Begriff und damit ein Konstrukt. Damit wird aus Kooperation ein riesiger Berg und der Arzt zum Ochsen, weil er darauf soll.

Schade, hier wird Vernetzung als Chance verkannt. Die Forderung nach mehr Kooperation im Gesundheitswesen wird wieder erst einmal dazu führen, dass die meisten abwarten, bis ein anderer Verantwortung zeigt und die Initiative ergreift. Andererseits – und das muss aus Fairness hier stehen – gibt es viele tolle und vor allem erfolgreiche Beispiele für Vernetzung und Kooperation und das sogar sektorübergreifend.

Vernetzung bedeutet erst einmal, dass Menschen in Kontakt treten und sich willentlich bemühen, aus einem ersten Kontakt, eine belastbare Beziehung zu formen. Nicht immer ist das möglich. Sozial vernetzt gelingt mir das aber immer häufiger. Nennen wir es Probezeit oder Schnupperphase. Menschen, mit denen ich auf XING oder Facebook, auch auf Twitter vernetzt bin und die mir erlauben, mehr über sie zu erfahren, erhöhen Ihre Chance, mit mir und anderen etwas Gemeinsames auf die Beine zu stellen, ja auch Geld zu verdienen.

Coopetition

Ich möchte Ärzten ein neues Wort vorstellen, das sich um die Aufnahme in den Wortschatz bewirbt, ja sich quasi aufdrängt, nähme ich die Forderungen des 115. Deutschen Ärztetages beim Wort. Coopetition. Zusammenarbeit bei gleichzeitigem Wettbewerb ist ein neuer Anspruch.

Denn in wahren Netzwerken verliert die Kontrolle Macht, schreibt Prof. Peter Wippermann im Blog seines Trendbüros. Übersetze ich seine Worte in die gültige Sprache niedergelassener Ärzte, so heißt es dort, dass ein Alleingültigkeitsanspruch im Sinne von medizinischer Meinungsvielfalt der Struktur von Netzwerkökonomie widerspricht. Kurz: Auch in der Medizin könnten mehrere Meinungen nützlich sein, selbst wenn diese gemeinsam kommuniziert würden.

Kooperationen nach erfolgreicher Juristerei sind Marketing pur. Schon die einfache Benennung eines Zusammenschlusses hat kommunikativen Wert. Ärztenetze, die sich mit dem Namen Ihrer Stadt oder Ihrer Region schmücken, sagen aus:

Was einer schafft, fällt vielen nicht schwer

Ein weiterer Aspekt ist die seit Jahrzehnten vollzogene Abkopplung zwischen Medizin und Zahnmedizin. »In einem Kooperationswettstreit können Konkurrenten gemeinsam einen Vorteil erzielen, auch ohne eine gezielte oder organisierte Absprache getroffen zu haben«, betont Prof. Wippermann in seinem Aufsatz.

Gefangen in der Isolation ist niemand

Ich will an dieser Stellen schließen, nicht ohne Ihnen einen interessanten Passus aus der aktuellen un-plaqued Nr. 18 auf den Weg zu geben. Das von Zahnärzten und Partnern gestaltete Magazin für Mensch und Bildung ist nicht nur lesenswert. Es greift die Themen unserer Zeit auf.

In einem Artikel um den Kampf gegen Paradontitis mit dem Titel: “Tue Gutes und Sprich darüber! – Vom Kampf gegen Paradontitis, Periimplantitis und die Einsamkeit”, startet der Autor Jan-Phillip Schmidt mit den Worten:

In den goldenen Jahren der Zahnheilkunde hat unser Berufsstand sie selbst gewählt: Die Isolation von der Medizin. Zu verlockend war der monetäre Reiz der restaurativen Zahnheilkunde im Überfluss. In der gegenwärtigen Situation unseres Gesundheitswesens in Deutschland ist diese Trennung von Medizin und Zahnmedizin nicht mehr zeitgemäß. Die moderne Zahnheilkunde hat Ihren Zahnklempner-Status endgültig hinter sich gelassen und versteht sich als präventive Disziplin.

Klingt wie eine Vision. Ist aber keine. Der Artikel selbst zeigt im folgenden auf, was durch Vernetzung im Fachbereich Paradontologie in den letzten Jahren bewegt wurde. Und es klingt wie pure Motivation, frei nach dem Motto “Geben ohne Erwartungshaltung”, wenn ich lese …

Wer Patienten zu spezialisierten Kollegen überweist, mit medizinischen Fachärzten kooperiert und statt der üblichen, knappen Briefe auch mal telefonisch oder persönlich mit anderen Behandlern spricht, wird sich schlussendlich fachlich nie isoliert fühlen.

Großartig. Und dafür bedarf es nicht einmal eines juristischen Konstrukts. Wenn es sich aus dem Anspruch von Vernetzung einer einfacher Kontaktaufnahme ergibt, strategisch geplant wird und am Ende eine sinnvolle Umsetzung erfährt, bin ich dafür. Aber das Haus mit dem Dachstuhl zu beginnen ist eine wacklige Angelegenheit.

Wer bis hierher gelesen hat und an einer Ausgabe der un-plaqued Nr. 18, die den Beitrag des Kollegen enthält, interessiert ist, ruft mich bitte an (0291) 1 44 99 17 oder kommentiert hier im Blog, vielleicht zusammen mit einer Kontaktaufnahme via XING oder Facebook. Freue mich, Ihnen Ihr persönliches Exemplar zu schicken. Das Angebot gilt so lange der Vorrat der hier verfügbaren Exemplare (es ist ein Karton) reicht.

Anmerkungen und Quellen
  1. Pressemeldung der Bundesärztekammer v. 24.05.2012 http://p2n.me/MMvPY3
  2. vgl. Diskussion um die Öffnung der Katholischen Kirche

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Frank Stratmann

... ist seit 2003 Projektentwickler für digitale Kommunikationskultur und virtuelle Beziehungsnetzwerke in der Gesundheitswirtschaft. Kurz Community Manager Healthcare für Gesundheitsnetzwerke, Ambulatorien, Medizinische Versorgungszentren, Klinik und Krankenhaus. Seit 2013 ist Frank Stratmann als Leiter Vertrieb Region West der Sana Kliniken AG. für die strategisches Marketingaufgabe eines an Werten ausgerichtetes Einweiserbeziehungsmanagements verantwortlich.